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Female Empowerment in Krisengebieten: “Wir investieren in die nachhaltige Stärkung und das Selbstbewusstsein von Frauen.”

In Conversation02.08.22 12 min. lesezeit

Women for Women International im Interview mit This Place

 

“Female Empowerment” ist in der Business-Welt als nachdrückliche Forderung und feste Zielsetzung das Thema der Stunde. 

Doch das Empowerment von Frauen erstreckt sich weit über die Gleichberechtigung in Arbeits- und Karrierewelt hinaus. Die Frauenrechtsorganisation Women for Women International verdeutlicht seit fast 30 Jahren, was es bedeutet, wenn Frauen für andere Frauen einstehen – und das für grundlegende Dinge wie Bildung, Gesundheit oder das Kennen ihrer eigenen Rechte.


Im Interview mit This Place spricht Caroline Kent, Geschäftsführerin von Women for Women International Deutschland, darüber, wie die Organisation Frauen hilft, gebildet, gestärkt und gefördert in die Zukunft zu blicken.



Seit fast 30 Jahren steht die Frauenrechtsorganisation Women for Women International einer besonders vulnerablen Gruppe unermüdlich zur Seite: weiblichen Kriegsüberlebenden. Wie kam es zu der Gründung 1993? 

Women for Women International wurde vor rund 30 Jahren während der Kriege in Ruanda und Ex-Jugoslawien gegründet. Zu diesem Zeitpunkt erkannte die Gründerin Zainab Salbi, eine irakisch-amerikanische Menschenrechtlerin, dass es in einem modernen Konflikt oftmals gefährlicher ist, eine Frau zu sein, als ein Soldat. Von Anfang an hat Zainab Salbi zusammen mit Unterstützerinnen und Unterstützern versucht, die eingekesselten Frauen in Sarajevo nicht nur mit Essen und Ressourcen zu versorgen. Sie wollte ihnen auch Trost durch Botschaften in Form von Briefen schenken. In diesen Briefen schrieb sie ihnen, dass Frauen auf der ganzen Welt an sie denken. Kurz danach fing Women for Women International mit der Unterstützung von marginalisierten Frauen in Ruanda an. Diese Frauen hatten durch den dortigen Genozid, also Völkermord, einfach alles verloren.  

Insgesamt hat Women for Women International bisher mehr als 500.000 Frauen dabei geholfen, traumatisierenden Erlebnissen zu entkommen und nach vorn zu blicken.
Schritt für Schritt treten Frauen dank dieser Unterstützung in einen Lebensabschnitt, der die Wunden der Vergangenheit langsam heilen lässt.
Auf welche Länder hat sich Women for Women International spezialisiert? Welche Hilfestellungen bietet Women for Women International ?

Was wir bisher erreicht haben, haben wir vor allem direkt vor Ort erreicht: dank unserer Länderbüros in Afghanistan, Bosnien und Herzegowina, der Demokratischen Republik Kongo, im Irak, im Kosovo, Nigeria, Ruanda und Südsudan. Gemeinsam mit Partnerorganisationen arbeiten wir außerdem in Äthiopien, Syrien, Myanmar. Seit Kurzem helfen wir auch Frauen in Polen und der Ukraine. Bis Ende 2021 konnten wir so über 520.000 Frauen erreichen.

Doch egal, wo auf der Welt wir helfen, für uns gilt: Wir handeln schnell, flexibel und innovativ. Auch deshalb haben wir den Conflict Response Fund (CRF) 2018 ins Leben gerufen. Dank diesem Fonds leiten wir gemeinsam mit lokalen Partnerinnen und Partnern schnell Aktivitäten ein, mit denen wir auf dringende, vernachlässigte Bedürfnisse von weiblichen Überlebenden des Krieges reagieren.

So haben wir beispielsweise 2019 in einem der größten Flüchtlingslager der Welt, in Cox's Bazar (Bangladesch), Maßnahmen eingeleitet, um junge Rohingya-Frauen mit einer Berufsausbildung zu unterstützen, damit sie sich eine Existenz aufbauen und ein Einkommen erzielen können. Ähnliches leisten wir aktuell in Polen und der Ukraine. Dort unterstützen wir unsere Partnerorganisationen dabei, geflüchteten Frauen ganzheitlich zur Seite zu stehen. Wir wollen ihnen eine neue Perspektive im Leben aufzeigenUm das zu erreichen, kümmern wir uns um Unterkünfte, finanzielle Unterstützung, Rechtsberatung und Traumatherapie.

“In einem modernen Konflikt ist es oftmals gefährlicher, eine Frau zu sein, als ein Soldat.”

Women for Women International ist an unterschiedlichen Standorten in unterschiedlichen Ländern und sogar auf unterschiedlichen Kontinenten tätig. Auf welcher Überzeugung basiert dieser unermüdliche Einsatz?

Was zählt, ist das Miteinander. Der Zusammenhalt auch über Grenzen hinweg. Es ist unsere Überzeugung, dass uns als Frauen mehr verbindet als uns trennt. Ganz egal, wo auf der Welt wir uns befinden. An dieser Stelle kommt unser “überlebendenzentrierter Ansatz” zum Tragen. Wir fördern die Frauen und erkennen ihre Stärke an, statt sie als „Opfer“ anzusehen. Die Ergebnisse unserer Arbeit motivieren zusätzlich und verdeutlichen klar, was möglich ist, wenn wir uns auf das Potenzial von Frauen und in ihre Kraft fokussieren – und  zusammenhalten, komme, was wolle. 

Dabei ist die Unterstützung von unserer Seite aus nur eine von zwei tragenden Säulen. Die andere, mit Sicherheit noch bedeutendere Säule, ist das stabile Netzwerk, das unsere Programmteilnehmerinnen in Klassen von 25 Frauen untereinander knüpfen.  Die Solidarität ist am Ende des Programms so stark, dass viele der Frauen nach dem Abschluss in Kontakt bleiben. Sie bündeln ihre Kräfte, bilden Spargruppen oder gründen sogar in kleineren Gruppen Unternehmen!

Women for Women International steht den Frauen vor Ort mit Helferinnen und Helfern zur Seite. Wer gehört zu diesen Helfenden? Was zeichnet diese Menschen aus?

 In diesem Punkt sind wir kompromisslos: Wir arbeiten ausschließlich mit professionellen, erfahrenen und empathischen Menschen zusammen, die das Vertrauen der Gemeinden, in denen wir helfen, genießen. Sie verstehen die Lage vor Ort, sind bestens mit der Situation vertraut. Ein Aspekt, der für uns ausschlaggebend ist.  

Viele der Trainerinnen, die heute ein Programm leiten, haben vorher selbst das Programm durchlaufen. So auch Audry Shematsi, unsere ehemalige Länderbüroleiterin in der Demokratischen Republik Kongo. Audry hat ihren Schritt zurück ins Leben als Teilnehmerin unseres „Stronger Women, Stronger Nations“-Programms begonnen. Zuletzt war sie Leiterin eines Büros mit über 40 Mitarbeitenden.  

13 Länder, 1 Ziel: Frauen in Not zu helfen.

Auf welche Hindernisse stößt die Organisation mit ihren Helferinnen und Helfern? Und inwiefern erfahren Helferinnen und Helfer selbst Unterstützung, zum Beispiel auf politischer oder gesetzlicher Ebene?

Nun, die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, sind nicht nur schwierig, sondern auch komplex. Darum müssen wir besonders flexibel und anpassungsfähig agieren. Natürlich hat dabei hat die Sicherheit unserer Kolleginnen und Kollegen sowie Programmteilnehmerinnen absolute Priorität

Und trotzdem: Viele unserer Helferinnen und Helfer haben traumatisierende Szenen erlebt, haben selbst flüchten müssen – so auch unsere Kolleginnen aus dem Südsudan. Und in Afghanistan fanden sich unsere Kolleginnen im Sommer 2021 nach der Machtübernahme der neuen De-facto-Regierung in vergleichbaren Situationen. Hier haben wir uns, gemeinsam mit unseren globalen Kolleg*innen um die Evakuierung vieler Kolleg*innen bemüht.
Um trotz solcher Erlebnisse nicht die Hoffnung zu verlieren, bieten wir psychosoziale Unterstützung für unsere Programmteilnehmerinnen ebenso wie für unsere Kolleginnen und Kollegen an.

Mich hat es sehr bewegt, zu sehen, wie viel Solidarität wir von weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern sowie befreundeten Organisationen erfahren haben in dieser Zeit.

Außerdem versteht sich Women for Women International als Advocacy-Organisation.  Deshalb stehen wir im engen Austausch mit politischen Vertreterinnen und Vertretern in Deutschland. So wollen wir eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für marginalisierte, von Konflikten betroffenen Frauen erwirken.

Gesundheit, Hygiene, Ernährung und Verhütung – die Aspekte, in denen Women for Women International die Frauen aufklärt, zeigen, an welch absurd grundlegenden Informationen es noch immer mangelt.
Wie reagieren erwachsene Frauen, wenn sie nach Jahren oder gar Jahrzehnten der Abgeschnittenheit von Bildung und Information dieses Wissen mit ihnen geteilt wird?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Denn trotz durchaus vergleichbarer Erfahrungen im Leben reagiert jede Frau individuell. Doch eine Entwicklung beobachten wir nahezu immer: Unserer Erfahrung nach nehmen die Frauen das Wissen nicht nur gut an. Vielmehr geben sie dieses Wissen sogar an ihre Familien und Communities weiter. Im Schnitt teilt eine Frau ihr neues Wissen mit drei weiteren Personen aus ihrem Umfeld.

Auch die Zahlen untermauern diesen Erfolg: So gaben im Jahr 2020 im Rahmen einer Umfrage unseres „Stronger Women, Stronger Nations“-Programms 82% der Absolventinnen in Ruanda an, aktive Familienplanung zu betreiben. Bei der Einschreibung in dieses Programm hingegen lag die Zahl bei nur 62%

Hier wird es besonders deutlich: Das erworbene Wissen schenkt den Frauen mehr Unabhängigkeit, mehr Selbstbewusstsein. Gleichzeitig erzeugt es einen Welleneffekt auf ganze Gemeinden. Henriette, eine unserer Kursteilnehmerinnen aus der Demokratischen Republik Kongo, erzählte uns, dass ihr der Kurs zur Gesundheitsförderung dabei geholfen hat, sich selbst und ihre Familie ausgewogener zu ernähren und kleine Veränderungen im Alltag einzuführen. Und dank der Kurse im Bereich der reproduktiven Gesundheit versteht sie nun ihren Körper besser und weiß, wie sie besser für ihn sorgen kann.  

Von der Teilnehmerin zur Trainerin:
Viele Frauen nehmen dank der Programme von Women for Women International ihr Schicksal nicht nur selbst in die Hand. Sie teilen ihr neu erworbenes Wissen, um weiteren Frauen den Weg in die Unabhängigkeit zu zeigen. 

Caroline, erlaube ein sehr bildliches Gedankenspiel: Wenn Women for Women International 2021 nicht aktiv gewesen wäre, was wären die Folgen für Frauen in Kriegsgebieten gewesen?

Um die Auswirkungen zu verdeutlichen, sollten wir über Zahlen sprechen: In diesem Fall hätten 20.614 Frauen nicht an unseren Programmen teilgenommen. Und konkret bedeutet das: sie hätten Mahlzeiten auslassen müssen und hätten weitaus weniger Möglichkeiten gehabt, ihre Gesundheit zu schützen. Wir hätten keine Unterstützung während der Covid-19-Pandemie bieten können, wo wir den Frauen durch besondere Gesundheitsaufklärung und finanzielle Unterstützung Mittel an die Hand gegeben haben,  sich selbst und ihren Familien zu schützen. Wir haben über 5.900 Hygiene-Sets verteilt, über 80.000 Masken zur Verfügung gestellt – von denen fast 50.000 von den Teilnehmerinnen selbst hergestellt wurden – und über 6.000 Frauen haben zusätzliche Bargeldzahlungen erhalten, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Auch in Afghanistan hätte der fehlende Einsatz von Women for Women International verheerende Folgen gehabt. Hier nahm am 15. August die neue De-facto-Regierung Kabul ein. Ein Datum, das alles verändert hat. In Afghanistan haben uns darum bemüht, dass besonders gefährdete Mitarbeiterinnen unserer Organisation untertauchen oder evakuiert werden konnten. Nur dank großzügiger Spenden konnten wir glücklicherweise im Januar 2022 unsere Programme wieder aufnehmen. Wir haben die Frauen mit Bargeld und Saatgut für den Gemüseanbau dabei unterstützt, sich und ihre Familien in der Krise zu ernähren. Aktuell sind fast 2000 Frauen in den Programmen in Afghanistan eingeschrieben.

Women for Women International setzt bewusst darauf, auch Männer ins Boot zu holen, um zu verhindern, dass Frauen nur in einer Art “Women for Women International-Blase” Schutz, Akzeptanz und Respekt erfahren. Bis Ende 2020 konnte die Organisation rund 40.000 männliche Familienangehörige und Führungspersönlichkeiten davon überzeugen, für Frauen einzustehen. Dieser soziokulturelle Shift ist schon in wohlhabenden Ländern wie Deutschland kein einfaches Unterfangen. Was aber bedeutet dieser Erfolg für die Länder, in denen ihr helft?

Wir arbeiten in Regionen mit tiefverwurzelten patriarchalen Strukturen. Regionen, in denen Mädchen in dem Glauben aufwachsen, dass sie weniger wert sind als ihre Brüder. Um es noch deutlicher zu sagen: Wir sprechen hier von misogyner Gewalt, von geschlechtsspezifischer Diskriminierung und struktureller Benachteiligung. Scheinbar unüberwindbare Hindernisse, die den Frauen den Zugang zu einem selbstbestimmten Leben verwehren.

Dank unserer Erfahrungen vor Ort, wissen wir um die Vorurteile oder Einstellung vieler Väter, Söhne und Ehemänner. Genau deshalb ist unser spezielles Men’s Engagement Programm so ausgerichtet, dass wir Männer aktiv einbinden und so in die Verantwortung nehmen. Wir stärken ihr Verständnis dafür, dass sie selbst davon profitieren, wenn ihre Frauen selbstbestimmter werden und ihr eigenes Geld verdienen.

An dieser Stelle fällt mir Francis, ein Gemeindevorsteher aus dem Südsudan, ein. Francis zeigt, dass unser Men's Engagement Programm die intrinsische Motivation der Männer, ihre Gemeinden voranzubringen, unterstützen kann. Er hat sich öffentlich gegen Zwangsehen ausgesprochen. Damit hat Francis eine Zukunft gestärkt, in der seine Kinder und Enkelkinder ein Leben voller Möglichkeiten haben. Seine Haltung hatte einen entscheidenden Einfluss auf seine Gemeinde. 

Wie erfolgreich unser Programm für Männer ist, belegen auch unsere Studien:  Nach Abschluss des Programms äußerten sich 75% mehr Männer positiv gegenüber der Teilhabe von Frauen an Entscheidungen  als noch zu Beginn!

Ja, das ist ein unglaublich langwieriger Prozess. Aber er fruchtet nachhaltig! Wir haben schon oft gesehen, dass unser holistischer Ansatz echte Veränderungen in Gemeinden hervorbringt: Frauen kommen nicht nur mehr in ihren eigenen vier Wänden zu Wort. Vielmehr werden sie ein Teil der Gesellschaft. Sie werden in Entscheidungen einbezogen und können ihr dort zum Beispiel ihren Sinn für ein friedliches Miteinander einbringen.

Im Schnitt teilt eine Frau ihr neues Wissen aus dem Programm mit drei weiteren Personen aus ihrem Umfeld.

Im Rahmen eines einjährigen Paten-Programmes werden Frauen in Gesundheits- und Rechtsthemen sowie dem Erlernen wirtschaftlich relevanter Kompetenzen ausgebildet. Diese drei Säulen werden durch ein Unterstützungsnetzwerk ergänzt. Erzähl uns mehr über dieses Programm, Caroline!

Unser „Stronger Women, Stronger Nations“-Patenprogramm dauert ein Jahr. Diese Dauer ist bewusst gewählt. Denn die langfristige Unabhängigkeit der Frauen wollen wir bestmöglich fördern. Wir verfolgen hier den Ansatz, in Frauen und in ihre Wirtschaftskraft zu investieren, damit sie ihr eigenes Geld verdienen und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Wir wissen aus unserer jahrzehntelangen Erfahrung, dass das wirkt. 

„Stronger Women, Stronger Nations“ versteht sich als holistisches Programm.  Es umfasst darum nahezu alle Lebensbereiche. Dazu gehören Rechtskenntnisse, Gesundheit, Einkommen und Sparen ebenso wie die Vermittlung von Selbstbewusstsein. Das Programm ist selbstverständlich an die jeweiligen Umstände und Bedingungen vor Ort angepasst. Ähnlich wie in einer Berufsausbildung führen erfahrene Trainerinnen durch das Programm. Dadurch ermöglichen wir den teilnehmenden Frauen die Chance auf ein geregeltes und sicheres Einkommen.

Und dann geschieht in jeder Gruppe etwas, was für mich ein magischer Moment ist: Wenn 25 Frauen, die zuvor auf sich gestellt waren, die Ähnliches erlebt haben, die Ausgrenzung und Trauma, Armut und Gewalt erfahren haben, zusammenkommen, dann kann man förmlich dabei zusehen, wie die Frauen durch den gemeinsamen Austausch und die gegenseitige Unterstützung an Zuversicht und Selbstbewusstsein gewinnen.  

In Frauen und ihre Wirtschaftskraft zu investieren wirkt. Das wissen wir aus unserer jahrzehntelangen Erfahrung.

Menschen auf der ganzen Welt können durch eine monatliche Spende einer Frau die Teilnahme an dieser einjährigen Ausbildung ermöglichen. Wir nennen das „Sponsor a Sister“. Im Rahmen dieser Patenschaft haben die Patinnen und Paten die Möglichkeit, ihrer Sister persönliche Briefe zu schreiben. 

Wir von This Place sind überzeugt, dass regelmäßige Selbstfürsorge einer der Ankerpunkte dafür ist, stark für andere zu sein. Was glaubst du, Caroline, bedeutet Self-Care für die Teilnehmerinnen des Patenprogrammes?

Selbstfürsorge – sowohl die mentale als auch die gesundheitliche – ist auch einer der Ankerpunkte in unseren Programmen. Schließlich sind unsere Programmteilnehmerinnen oftmals Frauen, die selbst den Großteil, wenn nicht gar die ganze Care-Arbeit übernehmen. In ihrem bisherigen Alltag haben sie gelernt, dass sie zuerst an andere denken müssen, bevor sie an sich selbst denken dürfen. Die Teilnahme an unseren Programmen stärkt aus diesem Grund das Selbstbewusstsein der Frauen.  Auch dahingehend, dass sie lernen, wie wichtig es ist, sich selbst etwas Gutes zu tun; sich nicht immer nur in die zweite Reihe zu stellen.

Selbstfürsorge bedeutet für uns aber auch, dass die Frauen erfahren, dass jemand an sie denkt: ihre Trainerinnen, andere Teilnehmerinnen und selbstverständlich ihre Sponsorinnen aus Deutschland, die ihnen aufmunternde, wertvolle Zeilen in Briefen senden.

Darüber hinaus bietet Women for Women International Unterstützung in gesundheitlichen Fragen an, um den Gedanken der Selbstfürsorge zu fördern. Wir ermöglichen unter anderem regelmäßige Brustkrebs-Screenings und vermitteln Wissen über Ernährung und Pflege

Mithilfe sogenannter Change Agents werden Frauen in Führungs- und Fürsprecherfertigkeiten ausgebildet. Wie werden Frauen, die zuvor in Gemeinschaften aufgewachsen sind, in denen viele von ihnen nicht nur diskriminiert, sondern regelrecht unterdrückt wurden, auf diese Rolle vorbereitet? Und was können wir von ihnen lernen?

Change Agents durchlaufen zunächst unser allgemeines einjähriges Schulungsprogramm. Im Anschluss findet eine Wahl statt:  Die Klasse wählt die Frau aus, die an unserem weiterführenden Training teilnehmen soll. Im Rahmen dieses Trainings erlernen die gewählten Frauen wichtige Fähigkeiten. Dazu gehören Advocacy, Führungsqualitäten und gesellschaftliche Teilhabe. Auf diese Weise entwickeln sich die Frauen zu Fürsprecherinnen der Frauen ihrer Gemeinden. Dabei basiert diese Weiterentwicklung auf einer soliden Grundlage. Denn gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen haben die angehenden Change Agents zuvor gelernt, für ihre Rechte einzustehen und den Wert ihrer Arbeit zu verstehen

Dabei ist die Vermittlung von Wissen und Erfahrung alles andere als einseitig! Es gibt zahlreiche bemerkenswerte Beispiele, die die unwahrscheinliche Resilienz und Stärke dieser Frauen widerspiegeln. So hat Gruppe von Change Agents im Bezirk Kicukiro (Ruanda) darauf aufmerksam gemacht, dass “informelle Ehen”, also Ehen, die nicht vor dem Gesetz offiziell eingegangen werden, das größte Hindernis dafür sind, dass Frauen ihre Rechte kennen und auch für sich beanspruchen. Denn ohne den “Schutz” einer auf rechtlicher Ebene abgesicherten Ehe, stoßen Frauen bei den Themen Erbschaft, Grundbesitz, Sorgerecht und finanzielle Absicherung schnell auf unüberwindbare Schwierigkeiten. 

Die Change Agents führten deshalb kurzerhand Sensibilisierungsmaßnahmen ein. Diese Maßnahmen klären über die Bedeutung und die Vorteile einer offiziellen Ehe auf. Dazu haben sie sowohl Frauen als auch Männern ihrer Gemeinde sowie lokale Führungspersönlichkeiten ins Boot geholt. Gemeinsam entkräften sie die Vorurteile gegenüber einer offiziellen Eheschließung und klären über die Nachteile einer “informellen Ehe” auf. 

In ihrem bisherigen Alltag haben sie gelernt, dass sie zuerst an andere denken müssen, bevor sie an sich selbst denken dürfen. Die Teilnahme an unseren Programmen stärkt aus diesem Grund das Selbstbewusstsein der Frauen.

2023 blickt Women for Women International auf 30 Jahre Empowerment zurück. Welches Ziel möchte die Organisation bis dahin erreichen? 

Bei unserer Arbeit übersteigt der Bedarf leider oft das, was wir leisten können. Deshalb bleibt für uns immer das Ziel, so viele Frauen wie nur möglich zu erreichen. Und mit ihnen den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben zu legen. Es ist keine Überraschung, wenn ich an dieser Stelle sage: Hierfür sind wir auf Spenden angewiesen.  

Dieses Jahr sind mehr Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen als je zuvor: Aktuell zählen wir 22 aktive Kriege und  mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht. Während der Covid-19-Pandemie mussten viele Frauen – auch in Deutschland – mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen. Ein Stück Realität, das zu Rückschritten bei der Geschlechtergleichstellung geführt hat.

Für uns bedeutet das, dass wir die globalen Rahmenbedingungen ändern müssen. Es ist an der Zeit, die besondere Bedeutung  von Frauen und Gleichstellung zu erkennen, wenn es um ein Leben in Frieden und Wohlstand geht. Für alle.  Dieser Aspekt muss noch stärker in den Fokus der Entwicklungs- und Außenpolitik gerückt werden.

Neben dem Fundraising suchen wir deshalb auf politischem Parkett wieder und wieder den Dialog mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern. Wir möchten sie dafür sensibilisieren, die deutschen, europäischen und letzten Endes auch globalen Bemühungen stärker an den Bedürfnissen von besonders marginalisierten Frauen in Konfliktländern auszurichten.

Mehr Informationen über die aktuellen Tätigkeiten von Women for Women International findest Du auch bei Instragram unter @womenforwomende.

 

Durch das Interview führte Mareen Dost (This Place).